Als ich mit dem Fahrrad beim Kanal ankomme, spüre ich wie mein Herz schlägt. Nicht vor Anstrengung, sondern aus Sorge, dass mein Boot geklaut wurde. Mein Boot habe ich gestern zusammen mit Anna in Berlin gekauft und an einem öffentlichen Sportbootanleger zurückgelassen. Einen Liegeplatz hatte ich gestern noch nicht. Heute morgen hat mir Jens auf Kleinanzeigen einen in Köpenick angeboten, zu dem ich heute fahren möchte.
Erleichtert stelle ich fest, dass es noch an seinem Platz liegt. Ich befreie es von seiner Plane, drehe den Schlüssel und höre das blubbernde Geräusch des Zweitaktmotors, der mich an meine Simson erinnert. Mit dem warmen Abendwind im Gesicht mache ich mich auf den Weg zur Schleuse beim Tiergarten.
Dort angekommen lehne ich mich aus meinem Boot heraus um die viel zu hoch angebrachte Klingel zu erreichen. „Ja?!“ schreit es mir aus der Gegensprechanlage in gewohnt unfreundlichem Ton entgegen. Ich erkläre dem Schleuser die Situation. „Jo geht gleich los“. Ich bin erleichtert. „Machen Sie das Boot mal fest!“ schreit es aus den Lautsprechern. Ein glatzköpfiger Mann erscheint aus seinem Häuschen und bewegt seinen Bierbauch über eine kleine Brücke hin zu mir. „Das der Motor mehr als 5PS hat seh ich mit verbundenen Augen!“ schreit er mich an. Ich verstehe den Vorwurf nicht und werde aufgeklärt, dass ich den Kanal mit meinem Boot nicht befahren darf. Meine Einwände, dass es auf dem Hinweg kein Problem war haben keinen Erfolg und ich drehe wieder um.
An der Kreuzung von Spree und Havel angekommen realisiere ich, dass ich ohne Funkgerät nicht die Spree hinunter fahren darf, also lenke ich nach links die Havel entlang. Meine Navigationsapp verrät mir, dass die Zurückweisung an der Schleuse meine Reise um mindestens 12 Stunden verlängert. Statt direkt zum Liegeplatz muss ich den Umweg über Potsdam fahren. Ich rufe Jens an. Trotzdem freue ich mich auf das Abenteuer. An der nächsten Schleuse angekommen versuche ich erneut die zu hoch angebrachte Klingel zu erreichen. Auf das gewohnte „Ja?!“ reagiere ich mit der gleichen Schilderung meiner Situation. „Jo ick mach gleich auf“. Aus gleich wurden erst 10 dann 20 Minuten. Ich erinner mich daran, wie ich in meiner Wohnung ein Buch in meinen Beutel fallen ließ. ‚Nachmittage‘ von Schirach kommt zum Vorschein als ich ihn durchsuche. Nach 30 Seiten schaltet endlich die Ampel um. Ich darf in die Schleuse fahren und erreiche 2 Stunden später den Wannsee.
Wenn ich alleine auf dem Wasser unterwegs bin wird mir manchmal bewusst in welcher Höhe ich mich befinde, wenn das Wasser verschwinden würde. Ich spüre dann eine merkwürdige Art maritimer Höhenangst, die mit jeder großen Welle größer wird und die Wellen auf dem Wannsee sind wegen der Motoryachten groß. Um mich abzulenken suche ich auf meinem Handy erfolglos nach Liegeplätzen, weil es langsam dunkel wird. Ich erinnere mich, dass der Potsdamer Aldi einen Liegeplatz für Einkäufe anbietet und beschließe es dort beim Filialleiter zu probieren.
Am Anleger belädt gerade eine kleine Gruppe ihr umgebautes Segelboot. Einer der Männer hat einen Bootshaken in der Hand. Ich grüße freundlich und er hilft mir beim anlegen. Wir kommen ins Gespräch und ich berichte von meiner Odyssey.
„Schirach!“ sagt er und zeigt auf das Buch über meiner Instrumententafel. Ich lächle zurück und frage ihn, ob er auch liest. „Ja auch, aber der hat vor ein paar Jahren meinen Cousin verteidigt.“ Wir lachen. Er bietet an, dass ich für eine Nacht in seinem Yachtclub am Wannseee liegen kann. Ich frage mich wie immer, woher mein Glück kommt. Wir legen ab und ich fahre dem Segelboot hinterher.
Auf dem Rückweg ist der Wannsee noch viel stürmischer als auf dem Hinweg, aber das Gefühl vom Hinweg bleibt aus. Am Yachtclub angekommen versuchen wir mein Boot an der Stirn eines Stegs zu befestigen. Als das Seil auf der anderen Seite von der Klampe rutscht springt einer der Männer ins Wasser und befestigt es erneut. „Wir sind jetzt Freunde, ob du willst oder nicht“ ruft Sydney mir zu, während er zurück schwimmt. Ich lache. Als die Sonne untergegangen ist trinken wir auf der Terrasse des Bootshauses ein Bier und Lukas bietet an, mich mit nach Berlin zu nehmen. Ich kann es schon wieder nicht fassen und ein paar Minuten später sind wir auf dem Weg nach Charlottenburg.
Ich sitze bei Anna in der halbfertigen Küche. Sie hat mir ein Glas Wasser und 2 belegte Brote hingestellt. In dem Moment merke ich, dass ich seit heute morgen nichts mehr gegessen habe. Während ich die beiden Brote ein wenig zu schnell esse erzähle ich ihr von meinem Tag. Wir lachen. Ich bin glücklich.
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