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Donnerstagmorgen

Auszug aus meinem Reisetagebuch.

Eine Stunde vor dem Wecker öffnen sich meine Augen und ich bin hellwach. Es ist der zehnte Tag meines Jakobswegs und ich habe diese Nacht im Kloster von Herbón in Nordspanien übernachtet. Heute wandere ich 25 Kilometer nach Santiago. Das Gefühl in mir ist vergleichbar mit dem nach meiner ersten Nacht im Regenwald während meiner Reise durch Südostasien. Als würde um mich herum etwas Großes passieren, mich wie ein Fluss mitreißen und ein Teil davon werden lassen.

Wir frühstücken zusammen mit den anderen Pilgern aus etwas mehr als 10 Nationen und sprechen über die heutige Distanz nach Santiago. Die Unterhaltungen finden meistens auf mehr als drei verschiedenen Sprachen statt, aber funktionieren umso besser. Ich erzähle davon, wie ich letztes Jahr unvorbereitet den Berlin Marathon geschafft habe, um den Anderen Mut zu machen. Nach dem Frühstück tauschen wir so weit möglich Kontaktdaten aus. Ich lerne, dass mein Nokia Tastenhandy keine SMS an amerikanische Nummern schicken kann.

Als ich nach einem letzten Gruppenfoto und einer langen Verabschiedung aufbreche, spüre ich nichts mehr von den Anstrengungen der letzten Tage. Stattdessen spüre ich wieder die vielen neuen, positiven Eindrücke des letzten Tages und Abends, die mein Gehirn gerade versucht zu verarbeiten. Wie kleine Steine liegen sie in meinen Gedanken und werden auf den ersten Kilometern vom Strom des Caminos glatt geschliffen, bis sie nicht mehr stören.

Ich bin als einer der letzten aufgebrochen und treffe deshalb alle Bekanntschaften aus dem Kloster auf dem Weg erneut. Als ich mich nach 15 Kilometern in ein Café setze um mein Reisetagebuch weiterzuschreiben fragt Karl, ob er sich dazu setzen darf. Karl hat ebenfalls im Kloster übernachtet. Er ist Mitte 40, Amerikaner und wohnt in der Schweiz. Er arbeitet im Management eines Pharmaunternehmens und wirkt ein bisschen, als hätte er einen Anzug mit Krawatte an. Wir unterhalten uns über den Camino und ich erzähle ihm von meiner Beobachtung mit dem Strom und den Steinen an jedem Morgen bisher. Ich frage ihn, ob er das gleiche fühlt.

Er stimmt mir zu und erzählt, dass seine Frau vor ein paar Monaten bei einem Tauchunfall gestorben ist. Dabei fängt er an zu weinen. Ich frage, ob ich ihn umarmen darf und wir umarmen uns stehend, mitten im Café. Sein Weinen entwickelt sich in meinen Armen zu einem Schluchzen. Nach einer Weile setzen wir uns wieder und ich mache einen Witz darüber, dass er wahrscheinlich einen der Top 1% schlimmsten Gründe für den Camino hat. Wir lachen und reden weiter über seine Frau, das Haus in der Schweiz, die mit pinken Swarovski Steinen besetzte Urne im Wohnzimmer und seinen Plan, auch den französischen Camino zu machen. Ich hoffe, dass die Wellen in Frankreich groß genug für die Felsen in seinen Gedanken sind.

Zeitversetzt brechen wir auf, um die letzten Kilometer bis Santiago alleine zu wandern. Auf diesen liegt eine erwartungsvolle und leichte Stimmung in der aufgeheizten, spanischen Mittagsluft. Als hätte man die letzten 100 Meter eines Marathons auf einige Kilometer gestreckt. Alle wünschen sich vermeintlich letzte Male „Buen Camino“ und motivieren sich gegenseitig.

4 Kilometer vor der Kathedrale setze ich mich in ein Café und trinke eine letzte kalte Fanta. Der Mann neben mir spricht meine Sprache nicht und ich auch nicht seine. Trotzdem unterhalten wir uns. Er hat den Camino schon vier Mal gemacht, möchte anschließend nach Finesterre wandern und freut sich darauf endlich anzukommen.

3 Kilometer vor der Kathedrale trägt mir der Wind das Stück „Comptine d’un Autre été“ auf dem Piano über den Waldboden entgegen und anschließend hinterher.

2 Kilometer vor der Kathedrale lerne ich eine Frau kennen, die nur die letzten 10 Kilometer des Caminos wandert und fragt, wie meine Erfahrung auf dem Ganzen war. Ich sage ihr, dass wir später reden können und ich den Rest lieber alleine gehen will.

1 Kilometer vor der Kathedrale treffe ich auf die ersten Touristenströme und fühle mich, als würde ich wie ein Waldmensch nach langer Abwesenheit in die Zivilisation zurückkehren.

Die Brandung des Pilgerstroms auf dem Platz vor der Kathedrale treibt mir die Tränen in die Augen. Aus allen Ländern der Welt werden so viele unterschiedliche Menschen auf den gleichen Platz gespült und erreichen jeder und jede für sich aber auch gemeinsam das gleiche Ziel. Ich sehe einen Mann vom heutigen Weg. Er begrüßt mich mit den Worten „Hey, we actually made it!“ in englischem Akzent. Wir umarmen uns. Dieses Mal verwandelt sich mein Weinen währenddessen in ein Schluchzen.

Ich lasse meinen Rucksack in die Mitte des Platzes fallen und mich daneben. Ich ziehe meine Schuhe aus und bleibe ein paar Minuten auf dem warmen Boden sitzen. Hinter mir weint ein Mann aus Dänemark. Ich drehe mich um und sage „Buen Camino“. Er lacht.

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